16.-30.5.09 SOHO in Ottakring - arbeiten oder nicht arbeiten
Der Wert des Arbeitens ist gerade in einer Gesellschaft, die sich so zentral über die Arbeit definiert wie die unsere, immer wieder in Frage zu stellen. Wer hat Recht auf Arbeit und auf welche Art von Arbeit? Gibt es eine Pflicht zu arbeiten? Brauchen wir Arbeit, oder nur Geld?
Wert des Arbeitens, Recht auf Arbeit
Der Wert des Arbeitens ist gerade in einer Gesellschaft, die sich so zentral über die Arbeit definiert wie die unsere, immer wieder in Frage zu stellen. Wer hat Recht auf Arbeit und auf welche Art von Arbeit? Gibt es eine Pflicht zu arbeiten? Brauchen wir Arbeit, oder nur Geld? Schon sehr früh werden die Weichen gestellt, die später den Zugang zu beruflichen Feldern öffnen oder auch verwehren.
„Gleiches Recht für alle“
gilt beim Arbeiten nur sehr beschränkt. „Leistungen“ werden unterschiedlich bewertet und mächtige Interessen definieren den Wert einer Leistung. Nicht alles Arbeiten gilt überhaupt als Leistung. Manche Arbeiten genießen Ansehen, manche sind unsichtbar und sollen es auch bleiben. Wenig Ansehen bedeutet oft, aber nicht immer, geringes Einkommen. Die Bewertung, was überhaupt als arbeiten und was als nicht arbeiten gilt, ist ständig in Bewegung.
Das Arbeiten dient der Befriedigung unserer Bedürfnisse, es hilft einen sozialen Status zu erringen und es bezeichnet weitgehend die Mitwirkung der Einzelnen an gesellschaftlichen Prozessen. Wesentlich am Arbeiten ist dabei sein öffentlicher Charakter. Umgekehrt ist Nicht-Arbeiten zwar nicht automatisch privat, entzieht sich aber doch oft der Wahrnehmung und ist wohl gerade deshalb Ziel permanenter gesellschaftlicher Beobachtung (Statistiken, Prognosen, Studien).
Arbeiten oder nicht arbeiten
Arbeiten oder nicht arbeiten ist aber für viele vorerst gar keine Frage von Definitionen sondern eine existenzielle Entscheidung oder Gegebenheit.
Arbeiten können, arbeiten wollen, arbeiten sollen, arbeiten müssen. Nicht arbeiten können, nicht arbeiten wollen, nicht arbeiten müssen und: nicht arbeiten dürfen. Arbeiten ist das Ordnungsprinzip, das die Gesellschaft – noch – zusammenhält. Und damit auch Unterscheidungsmerkmal, Verteilungsspiegel, Druckmittel, Erpressung.
Zugleich ist Arbeiten mit einer über den bloßen Lebenserhalt hinausgehenden, quasi religiösen, Bedeutung aufgeladen. Dabei wird Erwerbsarbeit mit schöpferischem Tun überlagert. Der Lebenssinn des neuzeitlichen Menschen zeigt sich gewissermaßen im Arbeiten. Nicht Arbeiten wird so gesehen zum Frevel am Lebenszweck. Die Belastung der Betroffenen steigt dadurch weiter an. Andererseits bleibt gesellschaftlich sinnvolle und sozial wünschenswerte Arbeit auf der Strecke, obwohl wir offiziell zu wenig Arbeit haben.
Viele sehen daher in einer Neuorganisation des Sozialstaates die Chance, mit den gegenwärtigen Krisen in der Arbeitswelt produktiv umzugehen. Bedingungsloses Grundeinkommen zum Beispiel würde einen veränderten Arbeitsbegriff benötigen oder befördern.
Freischaffendes und künstlerisches Arbeiten
Freischaffendes und künstlerisches Arbeiten ist normalerweise von Selbstbestimmung, Flexibilität einerseits, gesellschaftlicher Geringschätzung und Selbstausbeutung andererseits, bestimmt. Ein Teil davon, die Flexibilität und Selbständigkeit in Kombination mit Kreativität wird von Seiten der Wirtschaft immer wieder ganz generell zum Vorbild für musterhaftes Arbeitsverhalten stilisiert. Gefordert wird dabei ein neuer Arbeitsethos, der so tut als wäre der Verlust aller Sicherheiten bereits eine Überwindung entfremdeter Arbeit.
Immer mehr KünstlerInnen wollen dem entgegentreten und ihre Rolle in der Gesellschaft auf andere Weise erfüllen als dadurch, Vorbilder für die völlige Entsolidarisierung der Gesellschaft abzugeben.
Voraussetzung jeder möglichen Veränderung ist das Entstehen eines öffentlichen Diskurses über das Arbeiten und das Entwickeln neuer Modelle. Kunst ist dafür ein mögliches Medium.
Diese Arbeit an der öffentlichen Auseinandersetzung zu „arbeiten oder nicht arbeiten“ ist Ziel von SOHO 2009.
SOHO IN OTTAKRING 2009
SOHO IN OTTAKRING versteht Kunst als ein Mittel der Auseinandersetzung mit dem Alltag, der Einmischung in öffentliche Belange und somit als politisches Instrument. Es ging hier nie um „reine“ Ästhetik, sondern um Lebensformen, Veränderungen, Kritik: um Arbeit an einer Ästhetik der Einmischung. Letztlich geht es also auch um eine andere Auffassung der Möglichkeiten und der Bedeutung von Kunst.
Text: Wolfgang Schneider
Konzeptteam: Ula Schneider, Wolfgang Schneider, Nelin Tunç, Beatrix Zobl
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