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Wissen - EPU in Österreich und EU

1. Österreichischer Insolvenzkongress

Am 13. Mai 2008 fand in Wien der erste Österreichische Insolvenzkongress statt. Die Sprecherinnen und Sprecher am Podium forderten bessere Informationsstrukturen, sowie die Enttabuisierung und Entstigmatisierung unternehmerischen Scheiterns.

Anne Koark, ihrer Visitenkarte nach von Beruf Pleitier, sprach in der Key Note erst von ihrem erfolgreichen Weg in die Selbstständigkeit, dann von ihrem steinigen Weg in die Insolvenz, sowie dem Leben nach dem Fall. Vor allem aber sprach sie vielen Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus der Seele.
Im Anschluss an ihre offenen Worte, einem Plädoyer für eine Förderung des „wieder Aufstehens“ nach dem Scheitern, wurde am Podium versucht die Situation in Österreich zu beleuchten. Petra Diwog – Anwältin, Friedrich Kofler UBIT WK Wien, Alexander Maly – Schuldnerberatung, Verena Pahl – Creditreform, und Franz Spindler – Zweite Sparkasse, diskutierten aktuelle Zahlen, rechtliche Rahmenbedingungen, Präventivmaßnahmen und warum, wieder aufstehen in Österreich so schwer ist.

Die Frage inwieweit veränderte Formen von Selbstständigkeit, z.B. Ein-Personen-Unternehmen, sich auf das Insolvenzrisiko auswirken, konnte aufgrund fehlender Zahlen nicht geklärt werden. Allerdings stellte Friedrich Kofler in Bezug auf IT-Unternehmen fest, dass bei schwindender Auftragslage meist erst verkleinert wird. Ein Ein-Personen-Unternehmen kann in diesem Fall nur aufhören.

Rote Zahlen und die Menschen dahinter

2007 gab es in Österreich rund 15.000 Insolvenzen, davon rund 3/5 Privatkonkurse und 2/3 Firmen-Insolvenzen. Im ersten Quartal 2008 ist die Zahl der Privatkonkurse um über 10% gestiegen, die der Firmenkonkurse dagegen gefallen.
Hinter Privatkonkursen steht allerdings oft unternehmerischer Misserfolg. Menschen versuchen mit privaten Vermögen ihre Unternehmen zu retten und ihre Schulden bei den Gläubigern zu bezahlen. Schließlich haften die mit ihrem privaten Kapital und Eigentum, ihren Wohnungen und Altersvorsorgen für ihren beruflichen Erfolg.
Die häufigsten Gründe für Privatkonkurse sind, laut Aussage von Verena Pahl, Verlust der Arbeit, Scheidung, Krankheit und ein sorgloser Umgang mit Geld. Zu den meisten Firmeninsolvenzen kommt es in Handel, Baugewerbe und im Dienstleistungsbereich.
Anne Koark merkte hierzu an, dass in Deutschland der häufigste Grund für unternehmerisches Scheitern privates Scheitern ist. Die meisten Firmeninsolvenzen passieren im Fahrwasser von Scheidungen.

Die Erkenntnis, dass hinter jeder Unternehmerin bez. jedem Unternehmer immer, und ganz besonders im Fall des Scheiterns, auch ein Privatmensch steht zog sich als roter Faden durch den Abend. Privatmenschen, die dann arbeitslos, pleite, oft ohne Konto, ohne Handy und sozial gemieden sind.

Aufklärungsbedarf

Wenn es zur Zahlungsunfähigkeit eines Unternehmens kommt, weiß die oder der Verantwortliche oft nicht, was tun. Guter Rat ist dann teuer, im wahrsten Sinne des Wortes, wie Anne Koark mit Blick auf die Anwaltskosten feststellte. Die Juristin Petra Diwog unterstrich aber dass sich eine gute Anwältin bez. ein guter Anwalt viele Umwege oder auch den Masseverwalter erspart. Wichtig ist ihrer Meinung nach vor allem, dass früh genug Hilfe in Anspruch genommen wird. Grundsätzlich sollte schon im Vorfeld, etwa im Zuge der Gründung, besser über die Möglichkeiten im „worst case“ Fall informiert werden.

Alexander Maly von der Schuldnerberatung weiß, dass wenn alles zusammen bricht, oft die banalsten Ratschläge die wichtigsten sind: Erst die Miete und das Essen zahlen, dann die Schulden. Rund ein Drittel seiner Klientinnen und Klienten waren zuvor selbstständig.

Anne Koarks Buch über ihre Firmenpleite „Insolvent und trotzdem erfolgreich“ ist ein Bestseller, trotzdem sagt sie will es offiziell keiner gelesen haben. Dies ist ihrer Ansicht nach symptomatisch für eine Gesellschaft, die lieber von Schuld als von Fehlern spricht. Aber aus Fehlern kann man lernen und eine Hamburger Studie belegt, dass Restarter um 11 bis 18% erfolgreicher sind, als Unternehmer, die vorher noch keine Idee in den Sand gesetzt haben.

Handlungsbedarf



Die Österreichische Konkursordnung stammt aus dem Jahr 1920.
Seit der Novellierung im Jahre 1995 gibt es neben dem Unternehmenskonkurs auch die Möglichkeit eines Privatkonkurses. Im Falle eines Unternehmenskonkurses, wird das Übernehmen zum Zwecke der Sanierung einem Masseverwalter unterstellt. Falls das Unternehmen noch Gehalt am Existenzminimum abwirft, erhält der insolvente Unternehmer bez. die Unternehmerin dieses. Innerhalb von 2 Jahren müssen dann, im so genannten Konkursverfahren, 20% der Schulden zurückgezahlt werden.
Im Falle eines Privatkonkurses müssen innerhalb von 5 Jahren 30% zurückgezahlt werden. Dies wird als Schuldenregulierungsverfahren bezeichnet.
Während dieser Zeit, werden alle Einkommen auf das Existenzminimum gepfändet.
Prinzipiell gibt es auch noch die Möglichkeiten einer außergerichtlichen Einigung. Aufgrund der dafür nötigen Vorraussetzungen handelt es sich dabei laut Maly aber um totes Recht.

Ein anderer Ton!

Einig waren sich alle Anwesenden, dass vor allem auch ein neuer Ton im Umgang in insolventen Unternehmerinnen und Unternehmern gefragt ist. Enttabuisierung und Entstigmatisierung waren die Schlagwörter des Abends.

Wer in Österreich in Konkurs geht, ist Gemeinschuldner. Nach Anne Koarks Verständnis kein passender Ausdruck für Menschen, die einen Fehler gemacht haben und die nächsten Jahre mit einem Leben am Existenzminimum und ihren gesamten Ersparnissen dafür zahlen. Es ist ihrer Meinung nach nicht notwendig Menschen in dieser Situation zusätzlich mit einer Bezeichnung zu strafen, die von gemeiner Schuld spricht.

Sie selbst hat 2004 den Lady Business Award für ihre Beschäftigung mit Insolvenz bekommen, wohlgemerkt ohne Business, aber mit viel Engagement für ein neues Bewusstsein für Insolvenz, dass auch einem veränderten Unternehmerinnen- beziehungsweise Unternehmerbild Rechnung trägt.

Veranstalterinnen des Abends waren zwei Frauenorganisationen, IT-Salon pour Elle

und BPW Vienna Cosmopolitan.Das obwohl Insolvenz mehr Männer als Frauen betrifft.

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