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Wissen - EPU in Österreich und EU

Mikrokredite – eine Idee der Entwicklungshilfe nützt Europa

Für potentielle KleinstunternehmensgründerInnen stellt die Bewilligung eines Kredites oft eine unüberwindbare Hürde dar. Wegen administrativen Kosten und mangelnder Risikobereitschaft lehnen traditionelle Geldinstitute es oft ab, Kleinstkredite bis zu 25.000 Euro an UnternehmensgründeInnen zu vergeben.

Kleinunternehmen stellen jedoch einen wesentlichen Teil der Österreichischen Wirtschaft dar. Das Hindernis Mikrokredit droht also vorhandenes unternehmerisches Potential unnutzbar zu machen. Um diesem Phänomen entgegenzuwirken, ermöglicht das Austria Wirschtaftsservice seit Juli 2006 in einem Förderpaket der Österreichischen Bundesregierung eine erweiterte Haftung für Kleinstkredite. Man geht davon aus, mit diesen Maßnahmen jährlich etwa 500 Kleinstunternehmen zu helfen.

Interessant ist, dass dieses Phänomen erstmals in der Entwicklungshilfe erkannt wurde. Die Idee des Mikrokredites wurde in den 1970er Jahren in Bangladesch entwickelt, um kreditunwürdigen potentiellen Kleinstunternehmen und Landwirten in einem Experiment zu Startkapital zu verhelfen. Ziel war es, die Fähigkeiten armer Leute nutzbar zu machen und ihnen so die eigene Lebenserhaltung zu ermöglichen. Im Gegensatz zu traditionellen Krediten wurde als einzige Haftung das Potenzial des Kreditnehmers akzeptiert. Mittels so genannter „Solidaritätsgruppen“ im dörflichen Verbund war es möglich, Kontrollfunktionen auszulagern, man konnte Kosten senken und Rückzahlungsquoten heben. Das Experiment erwies sich als so erfolgreich, dass in den 80er Jahren die erste Institution zur Mikrokreditvergabe in Bangladesch gegründet wurde. Mittlerweile gibt es weltweit 7000 Mikrokreditprogramme, einige 100 davon auch in Industrieländern.

Es wird weltweit von 500 Millionen Kleinstunternehmen ausgegangen, die Mikro-Kredite mit einem Gesamtvolumen von 100 Milliarden Dollar benötigen.
Der Erfolg eines Mikro-Kredit-Systems, das vor 30 Jahren in Bangladesh eingeführt und seit 1983 als Grameen-Bank (Grameen heißt Dorf) institutionalisiert ist, spiegelt sich im Jahr 2006 in der Verleihung des Friedensnobelpreises an den Initiator des Kreditsystems Mohammed Yunus und seine Bank. Das Nobelpreiskommitee begründet die Entscheidung mit dem Engagement für „die wirtschaftliche und soziale Entwicklung von unten“, die der Mikrokreditvergabe zugrunde liegt und anerkennt damit die enge Verbindung von Frieden und Armutsbekämpfung in Entwicklungsländern.

Bis heute hat die Grameen-Bank (Dorf-Bank) insgesamt 6,6 Millionen Kredite in Höhe von fast fünf Milliarden Euro vergeben. Die Begünstigen sind zu 97 % Frauen, die sich mit Hilfe der zinsgünstigen Darlehen eine Existenz aufbauen konnten. Die Bank, die den Friedensnobelpreis 2006 erhält, ist mittlerweile mit rund 2.300 Filialen und 19.000 MitarbeiterInnen in Bangladesh vertreten und erreicht die Ärmsten der Armen in mehr als 70.000 Dörfern des Landes.

Die berufliche Selbständigkeit als Weg aus der Armut und die Existenzsicherung von Mikrobetrieben unterstützt die Grameen-Bank wie folgt:

  • Die Bank fodert für Kredite keine Sicherheiten ein. Zahlt der/die KreditnehmerIn nicht zurück, so hat dies keinerlei rechtliche Folgen.
  • Ein(e) KreditnehmerIn muss sich mit vier weiteren PartnerInnen zusammentun. Zunächst erhalten zwei aus der Gruppe einen Kleinstkredit.
  • Verantwortung für die Rückzahlung trägt der/die einzelne KreditnehmerIn. Zahlt er/sie pünktlich, so verschafft er/sie nicht nur den PartnerInnen Zugang zu Darlehen, sondern erhält auch das Recht auf weitere Kredite.

„Mikrokredite sind kein Almosen, sondern der Beweis, dass die Menschen die Lösung sind und nicht das Problem", sagt UN-Generalsekretär Kofi Annan. So begründet sich auch die Erfolgsgeschichte von Mohammed Yunus und seiner Grameen-Bank, mit der Förderung von Selbständigkeit in den Kampf gegen Armut zu ziehen, auf der Zuverlässigkeit der KreditnehmerInnen: Fast 99 % beträgt die Rückzahlquote der Mikrobetriebe. Die Bank selbst steht seit 1995 auf eigenen Beinen und verzichtet seither auf jegliche Entwicklungshilfe. Dass das Konzept von Yunus mittlerweile Nachahmer in mehr als 60 Entwicklungsländern gefunden hat, kommentiert der Friedensnobelpreisträger motiviert: „Ich lade jeden ein, meine Idee zu klauen“ und fügt hinzu: „Ich beschwere mich nur, dass sich nicht noch viel mehr Leute dieser Idee annehmen und sie umsetzen.“

Dabei sah anfangs alles danach aus, als ob Mohammed Yunus eine typische Karriere einschlagen würde. Sein wohlhabender Vater ermöglichte dem Sohn eine gute Ausbildung im damaligen Ost-Pakistan. Yunus bekam ein Stipendium in den USA und promovierte an der Vanderbilt University in Nashville, bevor er in seine Heimat zurückkehrte und 1972 mit nur 32 Jahren Direktor der Wirtschaftsfakultät der Universität Chittagong in Bangladesh wurde.

In den beginnenden 70er Jahren war das gerade unabhängig gewordene Land bitterarm. Die Trennung von Pakistan hatte Hunderttausende Tote gefordert und eine gewaltige Flüchtlingswelle ausgelöst. Zudem herrschte Hungersnot. Davor konnte Yunus seine Augen nicht verschließen: „Während Menschen auf den Straßen vor Hunger starben, lehrte ich elegante Wirtschaftstheorien. Ich begann, mich für die Arroganz zu hassen, vorzugeben, ich hätte Antworten.

Wir Universitätsprofessoren waren alle so intelligent, aber wir wussten absolut nichts über die Armut um uns herum.“ Überrascht davon, wie wenig Geld die meisten Menschen in den Dörfern brauchten, um Material oder Rohstoffe für ihr Handwerk zu erwerben oder um ein kleines Geschäft zu eröffnen, wagte Yunus ein Experiment und den Schritt hin zum Social-Entrepreneur. Er gewährte 42 Frauen in einem Dorf nahe Chittagong Kleinstkredite in Höhe von insgesamt 27 US-Dollar. Ohne jede Sicherheit, doch mit dem festen Glauben an Erfolg. Das war die Geburtsstunde für eines der weltweit erfolgreichsten entwicklungspolitischen Projekte.

Mikrokredite werden heute EU weit als effektives Mittel zur Unternehmertätigkeit angesehen, nicht zuletzt, um das Wachstum und die Wettbewerbsfähigkeit Europas zu erhalten. Bei der europäischen Mikrokreditkonferenz 2003 beschloss man u.a., Verwaltungsaufwand, Steuer- und Sozialversicherungsvorschriften an den besonderen Rahmen der Mikrokredite anzupassen.

Trotzdem fragt sich, ob die Formulierung im Bericht nicht immer noch einen Schritt zu weit entfernt vom Kreditnehmer, dem Menschen, steht...“Technisch gesehen unterscheidet sich die Mikrofinanzierung (Microlending) in mehrfacher Hinsicht vom klassischen Bankkreditgeschäft. Bei der Bonitätsprüfung stehen mehr der Kreditnehmer und die voraussichtlichen Auswirkungen der Firmengründung auf das lokale Umfeld als das Unternehmenskonzept im Vordergrund.“

Beispiele für Mikrokreditprogramme in Europa (WK)

Für eine möglichst geringe Anfangsverschuldung bei der Verwirklichung von Geschäftsideen bietet die französische AIDE (Association pour le Droit à l’Initiative Économique) einen Equipment-Pool. GründerInnen können für die Dauer von drei Monaten (mit Verlängerungsoption) beispielsweise Computer, Marktstände, eine erste Büroausstattung oder ein Auto leihen. Die Kosten betragen im Monat EUR 16.

Zusätzlich gilt eine Kaution von 50 % des Zeitwertes auf die geliehenen Gegenstände. Auch GründerInnen, deren Ideen nicht überzeugend genug für die Gewährung eines Kleinstkredits sind, die aber ein gewisses Entwicklungspotential aufweisen, sollen durch den Material-Pool mit der Geschäftsidee beginnen können. Bewährt sich das Geschäftsvorhaben, so steht die Option eines Anschlusskredits von ADIE offen.

Die 1988 gegründete ADIE ist eine der ältesten und größten Organisationen für Kleinstkredite in Europa. Sie unterstützt GründerInnen, die vom klassischen Bankensystem ausgeschlossen, sowie Kleinunternehmen von Arbeitslosen und SozialhilfeempfängerInnen. Die Beantragung und Gewährung der Kredite begleiten intensive Beratungs- und Unterstützungsleistungen auch unter Einbeziehung ehrenamtlicher MentorInnen. GründerInnen werden auch in der administrativen Gründungsvorbereitung sowie im Multimediabereich und beim Marketing unterstützt.
www.adie.org

Startkapital für die Geschäftsideen von jungen Erwachsenen und Mittel zur Erweiterung derer Unternehmen vergibt in Schottland „The Prince’s Scottish Youth Business Trust“ (PSYBT). Für 18- bis 25-Jährige sind Mikrokredite bis £ 5.000 verfügbar. Zusätzlich können Wachstumskredite bis zu £ 25.000 gewährt werden. Neben der finanziellen Unterstützung bietet das PSYBT Unternehmensberatung durch MentorInnen für zwei Jahre nach der Unternehmensgründung, Schulung in Buchhaltung und ein kostenloses Buchführungssystem. Im Marketing werden die Teilnahme an Ausstellungen ermöglicht und PR-Maßnahmen sowie die Vernetzung mit anderen jungen Unternehmen gefördert.

Der PSYBT organisiert sich durch ehrenamtliches Engagement (MentorInnen, etc.) und finanzielle Unterstützung großer und kleiner Unternehmen, Wohlfahrtsorganisationen, Stiftungen und Einzelpersonen.
www.psybt.org.uk

Einen Gruppenkredit für Existenzgründerinnen in ländlichen Gebieten der norwegischen Region Hordaland ermöglicht der Hordaland Network Credit: Frauen mit einer Gründungsidee erhalten in Gruppen von 3 bis 7 Personen einen Gruppenvertrag mit einer Kreditsumme von EUR 29.000. Davon können 80 % jederzeit an die Gruppenmitglieder verliehen werden.

Die Gruppe managt die Kreditvergabe eigenständig mit Unterstützung regional zuständiger BeraterInnen. Haftbar sind alle Gruppenmitglieder gemeinsam, was das Interesse aller für ein Gelingen der Gründungsvorhaben der Kreditnehmerinnen sowie gegenseitige Solidarität durch die Gruppe in den Vordergrund stellt.
www.nettverkskredit.no/english

Quellen: EU-mikrokredit-konferenz-conclusions_de.pdf

Mikrokredite für Existenzgründer und Kleinstbetriebe: Ausgleich eine Marktlücke November 2003

www.rpoth.at

www.escape.co.at

wien.wirtschaftsbund.at

Die Arbeitsweise der Grameen Bank, 13.10.2006

derstandard.at/?url=/?id=2622900

KFW Entwicklungsbank

Ein Banker mit Kleingeld, Frankfurter Rundschau, 16.10.2006

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